23. Januar 2026

Rezension: Tod der Autorin

Originaltitel: Death of The Author

Autorin: Nnedi Okorafor
Erschienen: 14. Januar 2025
Deutsche Ausgabe: 2. Januar 2026

Inhalt: Zelu ist am Ende. Sie hat gerade ihren Job verloren, niemand will ihr Manuskript verlegen, und ihre Familie nimmt sie nur als die Außenseiterin im Rollstuhl wahr. Sie beschließt, etwas zu schreiben, was ihr sonst nie in den Sinn gekommen wäre. Ihr Roman "Rusted Robots" wird zum weltweiten Megahit und schon beginnt ihre eigene Geschichte, ins Rollen zu kommen ...


„Tod der Autorin“ ist so wie das literaturwissenschaftliche Konzept ein Gedankenspiel darüber, ob die Interpretation literarischer Texte in den Händen der Leser*innen liegen und nicht in denen der Autorin.

Kapitel über Zelus Leben und Kapitel aus ihrem selbst geschriebenen Buch „Rusted Robots“ wechseln sich ab und gehen eine Synergie ein. Nnedi Okorafor gelingt es, beiden Erzählsträngen eine eigene Erzählstimme zu verleihen.

Es gibt viele Parallelen zwischen den fiktiven Romanauszügen und dem Leben der Hauptfigur, sodass man erst gar nicht sagen kann, ob „Rusted Robots“ von Zelus Leben inspiriert wurde oder ob ihr Leben sich (unfreiwillig) nach dem Roman richtet. Ein interessantes Zusammenspiel, bei dem erst sehr spät ersichtlich wird, welche Richtung es nehmen soll.

Während die fiktiven Romanausschnitte eindeutig Science-Fiction sind, gibt es im anderen Erzählstrang eine Mischung aus Gegenwartsliteratur und Near-Future-Elementen.

Genauso wie es unrealistisch ist, dass Zelu mit ihrem Roman (noch dazu in einem Genre, das sie selber eigentlich nie wirklich mochte) einen derartig überspitzt dargestellten Erfolg landet, ist es natürlich unrealistisch zu erwarten, jetzt das Allerbeste zu lesen, was man je in seinem Leben gelesen hat (so etwa wird „Rusted Robots“ in der Story dargestellt). Ausschnitte aus einem als Megahit inszenierten Romans zu präsentieren, ist dennoch gewagt, da es mit einer entsprechenden Erwartungshaltung einhergeht. Das soll nicht heißen, dass die Ausschnitte des fiktiven Romans nicht gut sind – das sind sie. Man sollte sich als Leser*in aber bewusst sein, dass dies eine bewusst übertriebene Darstellung ist, um den Plot überhaupt erst ins Rollen zu bringen. Ein Gedankenspiel sozusagen.

Darüber hinaus gibt es viele interessante Einblicke in die nigerianische Kultur, über Hürden, die Zelu sowohl als Migrantin als auch als Rollstuhlfahrerin regelmäßig überwinden muss. Das alles wird in beiden Storylines auf verschiedene Weise aufgearbeitet. Sowohl „Rusted Robots“ als auch „Tod der Autorin“ sind Romane über Identität, Körperlichkeit, die Möglichkeiten der Technik und vor allem des Erzählens.

Anfangs fiel es mir etwas schwer, Sympathie für Zelu zu empfinden, auch wenn sie mein vollstes Mitgefühl bekommt. (Oft hat sie es wirklich nicht leicht, vor allem was ihre toxische Familie angeht.) Nichtsdestotrotz ist sie eine sehr interessante, vielschichtige und auch nachvollziehbare Hauptfigur. Je länger man sich auf sie einlässt, desto besser versteht man sie.

Wie der Titel schon impliziert, verliert Zelu nach und nach die Kontrolle über ihre eigene Geschichte, aber auch über ihr eigenes Leben. Vor allem zeigt der Roman, welche Macht Erzählungen haben können und wie sich sowohl „Tod der Autorin“ als auch „Rusted Robots“ einander bedingen. Die eine Geschichte funktioniert nicht ohne die andere.


12. Januar 2026

Rezension: Wolfsprinzessin. Sturz ins Feuer (Teil 2)

Titel: Wolfsprinzessin. Sturz ins Feuer

Autorin: Elisa Miller
Erschienen: 05. November 2025

Inhalt: Alle sind auf der Suche nach der Wölfin. Für Liria gibt es alte und neue Verbündete. Aber kann sie ihnen auch trauen? Und wird sie zurückkehren, um als rechtmäßige Erbin den Wolfsthron anzunehmen?


Mit „Sturz ins Feuer“ wird die Geschichte unserer Wolfsprinzessin nahtlos fortgesetzt. Der zweite Teil kann mit dem Vorgänger definitiv mithalten, sowohl inhaltlich als auch sprachlich.

Das Figurenensemble ist sehr divers und abwechslungsreich, wodurch gute Dynamiken entstehen. Es gibt neue Figuren, die das Ensemble ergänzen und einige freudige Wiedersehen, die man nicht immer auf den ersten Blick erkennt. Die einzelnen Schicksale sind raffiniert miteinander verwoben und finden schließlich einen gemeinsamen Nenner. Es gibt neue Bündnisse, die man anfangs so nicht vermutet.

Sprachlich ist “Sturz ins Feuer“ natürlich sehr schön. Gelegentliche Highlights sind mal wieder die Zwischenkapitel, die die vierte Wand durchbrechen und die Erzählung aufwerten. Insgesamt ist der zweite Teil etwas dialoglastiger als der erste. Da der Fokus auf Figurenentwicklung liegt, passt der Stil sehr gut.

Das Ende ist sehr ungewöhnlich erzählt, bildet dafür einen guten Abschluss der Geschichte, wenn auch etwas bitter-sweet. Es passt zum allgemeinen Ton der Dilogie. Wie bereits zu Teil 1 erwähnt, darf man hier keine großen Schlachten oder einen ähnlichen epischen Ausgang erwarten. Die Handlung wird vor allem durch die Figuren getragen.

„Sturz ins Feuer“ ist ein Muss für alle, die schon Teil 1 mochten. Es lohnt sich, die Story weiterzuverfolgen.

22. November 2025

Rezension: The Spirit Bares Its Teeth - Der Tod besiegt alles

 Originaltitel: The Spirit Bares Its Teeth

Autor: Andrew Joseph White
Erschienen: 5. September 2023
Deutsche Ausgabe: 3. November 2025 (bei Cross Cult)

Inhalt: Trans Junge Silas denkt nicht daran, eine gehorsame Speaker-Ehefrau zu werden, so wie seine Eltern es für ihn vorherbestimmen. Sein Versuch, der arrangierten Ehe zu entkommen, misslingt und er wird in ein Mädchensanatorium gesteckt, wo er die "Schleierkrankheit" auskurieren soll. Doch dort spuken nicht nur die Geister ...


Andrew Joseph White zeigt in „The Spirit Bares Ist Teeth“ auf erschreckend bildliche Weise, wie patriarchale Strukturen marginalisierten Gruppen schaden können. Der Horror von liegt nicht im Durchbrechen der Geister in die reale Welt, auch nicht allein an den Gräueltaten, die den Figuren angetan werden, sondern an der Ungewissheit, die ständig zwischen den Zeilen schwebt. Das Sanatorium selbst wirkt nach außen hin relativ harmlos. Der eigentliche Schrecken liegt stets im Verborgenen. Leser*innen finden relativ früh heraus, was im Sanatorium vor sich geht, was für eine spannungsgeladene, drückende Stimmung sorgt.

Die düstere Atmosphäre eines alternativen viktorianischen Londons kommt sehr gut rüber, aufgewertet durch phantastische Elemente wie Geisterbeschwörungen, was an klassische Schauerromane erinnert. Silas mag so seine Eigenheiten haben, was ihn aber zu einem unglaublich nahbaren und einzigartigen Hauptcharakter macht. Ich habe wirklich von Seite zu Seite mit ihm mitgefiebert, mit ihm gefreut oder seine Ängste gespürt.

Der Stil ist sehr immersiv und bildlich. Die meisten Metaphern sind medizinischen Ursprungs, erinnern an Operationen. Das liegt vor allem an der Obsession der Hauptfigur für die Chirurgie. Aber sie funktionieren und geben dem Roman eine spezielle Eigennote.

Auch wenn es als Jugendbuch vermarktet ist, kann ich es nicht wirklich als solches einordnen. Es gibt explizite Gewaltdarstellungen, darunter körperliche Misshandlungen und Operationen bei Bewusstsein, und psychischen Terror. Silas‘ Umfeld ist extrem ableistisch, misogyn und transphob. Wenn man das Buch lesen möchte, sollte man solche Dinge aushalten können.

Sowohl sprachlich als auch inhaltlich ein unglaublich fesselnder Roman und ein persönliches Lesehighlight für mich.


Rezension: Tim & Keiji und der magische Adventskalender

Titel: Tim & Keiji und der magische Adventskalender

Autor*in: Arden Skye
Erschienen: 24. Dezember 2024

Inhalt: Die beiden Freunde Tim und Keiji bekommen einen mysteriösen Adventskalender geschenkt, der sie jeden Tag aufs Neue in eine magische Weihnachtswelt entführt ...


Mit „Tim & Keiji und der magische Adventskalender“ erleben Leser*innen gemeinsam mit den Titelfiguren viele kleine Abenteuer in einer weihnachtlichen Parallelwelt. Die Story richtet sich zwar eher an Jugendliche, kann aber genauso gut von Erwachsenen gelesen werden.
Das Buch selbst ist mit den 24 Kapiteln, also für jedes Türchen eines, wie ein Kalender aufgebaut. Die Kapitel sind vom Umfang her alle ähnlich und relativ kurz, was heißt, dass man selbst an stressigen Dezembertagen Zeit finden kann, ein Kapitel zu lesen, wenn man das Buch selbst wie einen Kalender betrachten möchte.

Die Handlung braucht ein wenig, bis sie Fahrt aufnimmt. Aber es lohnt sich. Es gibt einen Handlungsstrang in der Weihnachtswelt, die nur über den Adventskalender betreten werden kann. Dort geht es sehr harmonisch zu, wodurch eine gemütliche Vorweihnachtsstimmung aufkommt. Im zweiten Strang dreht es sich um Keiji und Tim in der realen Welt. Es gibt immer mal wieder kleine Konflikte, die sich aber sehr schnell wieder auflösen. Drama kommt hier also weniger auf.
Besonders schön ist es, wie divers die Freundesgruppe der beiden Teenager ist und wie gut sich alle verstehen. Auch wenn Freundschaft und Familie viel stärker thematisiert werden als Romantik, erinnert die Stimmung, die aufkommt, ein wenig an Heartstopper.

Der Schreibstil ist einfach und flüssig zu lesen, ideal für jüngeres Publikum. Es gibt nur ein paar ungewöhnliche Eigenheiten, z. B. häufige Sätze, die mit „indes“ eingeleitet werden. Aber darüber kann man hinwegsehen.

Eine tolle Weihnachtslektüre mit viel Cozyness, sowohl für Jüngere als auch Ältere.