3. November 2026

Rezension: Little Mushroom 1 - Letztes Urteil

Originaltitel: Xiao Mo Gu (小蘑菇)

Autor*in: Yi Shi Si Zhou
Erschienen: 2019
Deutsche Ausgabe: 02. November 2026 (Bramble)

Inhalt: In einer völlig abgestumpften Welt, in der die verbliebenen Menschen ums Überleben kämpfen, sucht ein sanftmütiger Pilz seine verlorene Spore und muss sich weniger vor den Monstern in der Wildnis fürchten, sondern vor denen innerhalb eines der letzten verbliebenden Stützpunkte der Menschheit ...

Mit dem durch menschliche Gene mutierten Pilz An Zhe haben wir einen ungewöhnlichen Protagonisten. Vieles, wie z. B. das Lesen von Emotionen, muss An Zhe noch lernen. Gespräche mit ihm fühlen sich oft merkwürdig an. Ereignisse um sich herum betrachtet er nüchtern – eben wie ein Pilz, nicht wie ein Mensch, was eine interessante Perspektive eröffnet und Fragen über die Stellung des Menschen innerhalb der Natur aufwirft. Nichtsdestotrotz besitzt er einen sehr freundlichen und empathischen Charakter und wächst einem schnell ans Herz.

„Little Mushroom“ hat ein dystopisches Setting und bedient die klassischen Genrekonventionen, welche durch das kreative Worldbuilding sehr aufgewertet werden. Die wenigen verbliebenen Menschen kämpfen um das reine Überleben und verscharren sich hinter Mauern. Der größte Schrecken sind Xenogene (zu denen auch An Zhe gehört) – Tiere und Pflanzen, die durch das Aufnehmen durch fremde DNA zu Monstern mutieren. Aufgrund wissenschaftlicher Ausführungen wirkt das Ganze nachvollziehbar. Besonders gelungen ist auch das Einflechten von Elementen des Survival und Body Horrors.

Die Romanze entwickelt sich sehr seicht. Wer im ersten Teil bereits große Gefühle erwartet, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit enttäuscht werden. Für Fans von Slow Burn ist es genau das Richtige. Zudem ist das Tempo sehr nachvollziehbar. Immerhin muss der Protagonist überhaupt erst lernen, was es bedeutet, menschliche Emotionen zu besitzen.

Definitiv ein Must Read für alle, die dystopischen Horror mögen!


30. Oktober 2026

Rezension: Soulbane 1

Titel: Soulbane1. Im Bann des Flüsterers

Autor: Marvin Gehrt-Hörster
Erschienen: 1. August 2026 bei Tiny Tusk

Inhalt: Ein Flüstern geht durch Nuldorw und verdreht die Gedanken derer Bewohner. Widlen, ein junger Tuskarr, ist nicht der typische Krieger. Dennoch begibt er sich in das gefährliche Abenteuer, um einen Krieg zu verhindern. Dabei muss er sich entscheiden, wem seine Loyalität gilt: seinen neuen Verbündeten oder seinem eigenen Volk?

„Soulbane“ entführt uns in eine düstere, fantastische Welt voller Gefahren. Statt Elfen, Orks und Zwergen begleiten wir hier allerdings Tuskarr, Federlinge und Ulokankal, was eine willkommene Abwechslung ist. Ansonsten gibt es die üblichen Muster, wie wir sie aus der High Fantasy oder Völkerfantasy kennen – eine dunkle Bedrohung, epische Schlachten. 

Marvin Gehrt-Hörster schreibt sehr metaphorisch und atmosphärisch, was zu dem düsteren Ton der Story passt und einen schnell in die Welt eintauchen lässt. Die Kampfszenen sind sehr dynamisch beschrieben und neben dem Stil die große Stärke des Romans. Hier sei nur kurz vorgewarnt: Es wird verdammt blutig.

Wie üblich für das Genre, ist das Pacing zu Beginn sehr langsam (nimmt aber ab der Hälfte rasant zu). Trotz anfänglicher Action dauert es, bis der Plot richtig ins Rollen kommt. Im Gegenzug dazu bekommen Leser*innen genug Gelegenheit, die Welt und die darin lebenden Figuren ausführlich kennenzulernen. Dementsprechend dauert es auch ein wenig, bis man eine Bindung zu ihnen aufbaut. Das kommt dem Worldbuilding sehr zugute, das wirklich interessant und vielschichtig ist. Nur bei den Figuren hätte ich mir etwas mehr Vielseitigkeit gewünscht. Widlen ist zwar mit seiner Art einzigartig und auch sympathisch und gibt so einen gelungenen Protagonisten ab. Ansonsten treffen wir in „Soulbane“ auf die altbekannten Archetypen (z. B. der tapfere, starke Krieger oder der alte, weise Druide).

Für Fans von düsterer, actionreicher Fantasy ist dies auf jeden Fall ein Must-Read.

Rezension: Fragments of Silver

Titel: Fragments of Silver. Ultra-6.1.4

Autorin: Alenor J. Stevens
Erschienen: 23. September 2026

Inhalt: Android Silver wacht ohne jegliche Erinnerung in einer Werkstatt wieder auf. Gemeinsam mit Retterin Jay versucht dey die verlorenen Erinnerungen wiederherzustellen. Aber kann dey einer völlig Fremden auch trauen?

Alenor J. Stevens hat einen vielversprechenden Auftakt hingelegt rund um eine cyberpunkige Welt, in der Androiden um die eigenen Grundrechte kämpfen müssen.

Im Fokus der Handlung steht Android Silver und deren Bestreben, die verlorenen Erinnerungen wiederzuerlangen. Was wirklich alles draußen geschieht, finden sowohl die Leser*innen als auch die Hauptfigur durch Fremdbeschreibungen (Internetmeldungen u. ä.) heraus, wodurch vor allem die Auseinandersetzung der Hauptfigur mit dem eigenen Selbst in den Vordergrund rückt. So wird ein interessanter Fokus gesetzt.

Der Stil ist sehr modern. Das Cyberpunk-Setting kommt insgesamt gut zur Geltung. Wir erleben die Hauptfigur des Öfteren auch mal fluchend. Man sollte sich auch auf gelegentliche englische Phrasen sowie Anglizismen einstellen. Da der erste Teil ziemlich kurz ist, schreitet die Handlung sehr rasch voran ohne großartige Ausschmückungen.

Zwar ist der erste Teil in sich geschlossen, das Ende ist aber offen, da es sich um einen Mehrteiler handelt. Außerdem bleiben einige Fragen ungeklärt, auf die man sich eine Antwort erhofft. Viele Themen wurden im ersten Teil nur angedeutet und lassen den Schluss zu, dass in den weiteren Teilen noch so einige Schwierigkeiten auf Silvers Weg auftreten könnten.

Ein vielversprechender Einstieg, der auf mehr hoffen lässt.

Rezension: Ich bin Gideon

Originaltitel: Gideon the Ninth

Autorin: Tamsyn Muir
Erschienen: 10. September 2019
Deutsche Ausgabe: 13. April 2020

Inhalt: Gideon hat genug von diesem düsteren Planeten und von der Ehrwürdigen Tochter Harrowhark, also packt sie ihre Sachen und flüchtet. Das schlägt jedoch fehl. Als Strafe muss sie Harrowhark bei ihrer Lyktorenprüfung begleiten und ihre Kavalierin spielen ...

Gideon ist eine eigenwillige Heldin, so wie das gesamte Worldbuilding des Romans. Auf dem Neunten, ihrem Heimatplaneten (gezwungenermaßen), ist alles schwarz – von den Klamotten bis hin zur Inneneinrichtung der Gruft, in der sie ihre Kindheit verbringen musste. Für das passende Ambiente sorgt die Ehrwürdige Tochter Harrow, Nekromantin und Erbin des Neunten Hauses, mit ein paar hübsch angerichteten Knochen, die so ziemlich einzigen Farbtupfer (falls man es so nennen kann) in dieser düsteren Welt.

Genauso schwarz ist der Humor. Muirs eigenwilliger, teils sehr vulgärer Stil macht dieses Buch zu einem Highlight. Er lockert die sonst düstere Stimmung des Buches sehr auf und verpasst ihm eine besondere Note. Gideons unflätigen Kommentare, die sie in den unpassendsten Situationen raushaut, sind nur ein Grund, weshalb sie so sympathisch ist.

Das Pacing ist etwas durchwachsen. Es fängt gut an, dann dauert es sehr lang, bis die Handlung eigentlich in Fahrt kommt. Während sowohl Gideon als auch Leser*innen in der ersten Hälfte der Story den größten Teil im Dunkeln (Gideon sogar wortwörtlich) tappen, zeichnet sich der zweite Teil durch detaillierte, actionreiche Kämpfe und Mystery-Elemente aus. Es dauert eine Weile, bis man erkennt, welche Richtung der Plot einschlagen will, bis er sich schließlich zu einem packenden Survival Horror und unvorhersehbarem Ausgang entpuppt.

„Ich bin Gideon“ war definitiv mal ein anderes Leseerlebnis. Allein schon das skurrile Worldbuilding ist es wert, dem Roman eine Chance zu geben.