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6. Mai 2026

Rezension: Funkenflug

Titel: Funkenflug (Der letzte Schlüssel 2)

Autorin: Marie Meier
Erschienen: 06. Mai 2026

Inhalt: Jule setzt alles daran, Mika und Kestrel aus den Klauen der Avatare zu befreien. Sie findet alte und neue Verbündete, die sie dabei unterstützen, ihre verborgenen Kräfte zu meistern und sie ihrem Ziel etwas näherzubringen. Als sie ihren Widersachern erneut gegenübersteht, erfährt sie eine Wahrheit, die alles auf den Kopf stellt ...

Vieles, was „Seelengrube“ ausmacht, findet sich im Nachfolger wieder: tolle Charaktere, ein ansprechender Stil sowie das detailreiche Worldbuilding, auf welches hier noch weiter eingegangen wird. „Funkenflug“ hält das Niveau des ersten Bandes und beweist mal wieder, wie gut der Genremix funktioniert.

Erneut begleiten wir Jule dabei, wie sie fleißig trainiert, um es bald mit den Avataren aufnehmen zu können. Zeitgleich erfahren wir mehr von der Rebellion gegen Arges, was eine neue Dynamik in die Story bringt. Fragen aus dem ersten Teil werden beantwortet, dafür werden wieder neue aufgeworfen.
Anfangs plänkelt die Handlung etwas vor sich hin, später wird es umso spannender. Höhepunkt und Ende sind sehr gelungen. Insgesamt ist „Funkenflug“ actionreicher als der Vorgänger. Die schnellen Szenen wechseln sich gekonnt ab mit ruhigen und emotionalen, zwischendrin auch immer wieder eine Prise Romantik.

Es gibt Wiedersehen mit Figuren des ersten Teils, die mir sehr gefielen, und mit ihnen einige sehr schöne Szenen. „Funkenflug“ hat wieder viele interessante Figuren, darunter bekannte wie auch neue.

Etwas komisch finde ich es, dass die Hände der Avatare (was sicher ein anspruchsvoller Job ist) nebenher noch Zeit haben, in der Zitadelle zu unterrichten. Sollten sie sich nicht vollumfänglich um den Schutz ihrer Gött*innen kümmern? Aber das ist nur eine Kleinigkeit. Vielleicht klärt sich das auch noch.

18. Februar 2026

Rezension: Trail to Heka


Titel: Trail to Heka. Seth auf der Suche

Autorin: Melanie Vogltanz
Erschienen: 31. Oktober 2023
Neu erschienen: 19. Februar 2026 im Second Chances Verlag

Inhalt: »Sie haben etwas, das dir gehört :( Hole es zurück, oder sie werden es benutzen!« Mit dieser Nachricht wird Seth von einer alten Feindin nach Kanada gelockt. Er begibt sich auf die Suche nach einem Teil seiner Kräfte, der nicht in falsche Hände gelangen sollte. Von dem er sich eigentlich selbst längst losgesagt hat. Nun ist es für Seth an der Zeit, sich seiner eigenen Vergangenheit zu stellen ...

Es geht weiter mit der Kemet-Reihe, diesmal dreht sich alles um Seth. Während er sich vorher noch die Bühne mit Mafed teilen musste, hat er hier wieder Gelegenheit selbst zu glänzen. Nicht unbedingt äußerlich, aber er ist zweifellos eine vielschichtige und, trotz seiner vielen Unzulänglichkeiten, die den Gott (paradoxerweise) menschlich erscheinen lassen, sympathische Figur. Er handelt nicht immer richtig, manchmal möchte man ihn für sein Verhalten einfach ohrfeigen. Dennoch kann man ihn verstehen.

Wie auch in den Vorgängern kommt dieser Band nicht ohne eine Spur ägyptischer Mythologie aus. Seth ist eine wirklich interessante und gelungene Neuinterpretation des altägyptischen Gottes der Wüste und der Stürme. Er selbst strahlt nicht nur nach außen hin Chaos aus, er zieht es regelrecht an, und wenn er handelt, ist auch das Ergebnis, trotz besten Bemühens, immer chaotisch.

„Trail to Heka“ ist ein Roadtrip. Aber auch wenn wir einiges über die einzelnen Stationen in Kanada erfahren, die Seth besucht, stehen im Vordergrund von „Trail to Heka“ die Figuren. Man könnte es schon fast eher als einen Selbstfindungstrip betrachten. Ab etwa der zweiten Hälfte verliert der Roman den Roadtrip-Charakter und die Handlung wird von Spannung und Action dominiert, bis sie in ein emotionales Ende mündet – eine sehr gute, unterhaltsame Mischung.

Melanie Vogltanz hat einen sehr schönen, flüssigen Stil, der sich super lesen lässt. Ihre Stärke liegt vor allem in emotionalen Szenen. Besonders schön ist es auch, wie selbstverständlich sie mit dem Thema Queernes umgeht und wie selbstverständlich Seth damit umgeht. Wie schon in den Vorgängerbänden sind hier die Figuren mal wieder sehr vielschichtig und divers gestaltet.

„Trail to Heka“ ist eine spannende Fortsetzung der Kemet-Reihe, die zudem Lust auf mehr macht.

22. November 2025

Rezension: The Spirit Bares Its Teeth - Der Tod besiegt alles

 Originaltitel: The Spirit Bares Its Teeth

Autor: Andrew Joseph White
Erschienen: 5. September 2023
Deutsche Ausgabe: 3. November 2025 (bei Cross Cult)

Inhalt: Trans Junge Silas denkt nicht daran, eine gehorsame Speaker-Ehefrau zu werden, so wie seine Eltern es für ihn vorherbestimmen. Sein Versuch, der arrangierten Ehe zu entkommen, misslingt und er wird in ein Mädchensanatorium gesteckt, wo er die "Schleierkrankheit" auskurieren soll. Doch dort spuken nicht nur die Geister ...

Andrew Joseph White zeigt in „The Spirit Bares Ist Teeth“ auf erschreckend bildliche Weise, wie patriarchale Strukturen marginalisierten Gruppen schaden können. Der Horror von liegt nicht im Durchbrechen der Geister in die reale Welt, auch nicht allein an den Gräueltaten, die den Figuren angetan werden, sondern an der Ungewissheit, die ständig zwischen den Zeilen schwebt. Das Sanatorium selbst wirkt nach außen hin relativ harmlos. Der eigentliche Schrecken liegt stets im Verborgenen. Leser*innen finden relativ früh heraus, was im Sanatorium vor sich geht, was für eine spannungsgeladene, drückende Stimmung sorgt.

Die düstere Atmosphäre eines alternativen viktorianischen Londons kommt sehr gut rüber, aufgewertet durch phantastische Elemente wie Geisterbeschwörungen, was an klassische Schauerromane erinnert. Silas mag so seine Eigenheiten haben, was ihn aber zu einem unglaublich nahbaren und einzigartigen Hauptcharakter macht. Ich habe wirklich von Seite zu Seite mit ihm mitgefiebert, mit ihm gefreut oder seine Ängste gespürt.

Der Stil ist sehr immersiv und bildlich. Die meisten Metaphern sind medizinischen Ursprungs, erinnern an Operationen. Das liegt vor allem an der Obsession der Hauptfigur für die Chirurgie. Aber sie funktionieren und geben dem Roman eine spezielle Eigennote.

Auch wenn es als Jugendbuch vermarktet ist, kann ich es nicht wirklich als solches einordnen. Es gibt explizite Gewaltdarstellungen, darunter körperliche Misshandlungen und Operationen bei Bewusstsein, und psychischen Terror. Silas‘ Umfeld ist extrem ableistisch, misogyn und transphob. Wenn man das Buch lesen möchte, sollte man solche Dinge aushalten können.

Sowohl sprachlich als auch inhaltlich ein unglaublich fesselnder Roman und ein persönliches Lesehighlight für mich.


27. März 2025

Rezension: Hell Followed with Us - Das Monster in uns

Originaltitel: Hell Followed with Us

Autor: Andrew Joseph White
Erschienen: 7. Juni 2022
Deutsche Ausgabe: 03. März 2025

Inhalt: Trans Junge Benji ist mit einem Virus infiziert, das ihn zu einem Seraph mutieren lässt, einem Monster, das die Fähigkeit besitzt, die Menschheit zu vernichten. Er flieht vor einer fundamentalischen Sekte, die ihn als Waffe einsetzen will und sich selbst als Engel bezeichnet, welche für die Postapokalypse verantwortlich sind. Zuflucht findet Benji in einem Zentrum für queere Jugendliche.

"Hell Followed With Us" ist ein Buch, das ich gern schon zehn Jahre früher gelesen hätte. Es hat mich unglaublich gefreut, über so viele trans und nichtbinäre Figuren zu lesen, noch dazu in einem postapokalyptischen Setting.

Die Beschreibungen sind sehr explizit und der Stil kurz und bündig, teils ellipsenartig, was speziell sein mag, aber zur düsteren Atmosphäre passt. Ebenfalls speziell, aber gut gelungen ist das Setting und die Einbindung religiöser Symbolik.

Sehr interessant ist die Raumgestaltung des Romans. Einer der Haupthandlungsorte ist ein Zentrum für queere Jugendliche, das ALC. Dem gegenüber steht Neu-Nazareth, der Wohnstätte der selbsternannten Engel, einer ökofaschistischen religiösen Sekte, die für die erste Apokalypse verantwortlich war. Während das ALZ als Schutzraum für queere Jugendliche unterschiedlicher Herkunft dient, ist Neu-Nazareth ein Ort der Unterdrückung und des Terrors. Die mutierten Monster, einst Menschen, und die durch ein Virus leergefegten Städte, Flut genannt, sind die manifestierten Schrecken, die aus religiösem Fanatismus resultieren.

Sowohl Benji als auch Nick sind gelungene Protagonisten, deren innere Konflikte authentisch und sensibel aufgearbeitet werden. Mir gefiel es sehr, dass man mit Benji eine trans Figur vor ihrer Transition und ohne Dysphorie hat, die trotzdem von den anderen als Junge akzeptiert wird. Gefallen haben mir auch die Kapiteleinschübe aus Nicks Sicht, wodurch man neben der Außensicht auch eine Innensicht von ihm erhält und gezeigt wird, welchen Herausforderungen er sich als Autist und gleichzeitig als Anführer des ALZ stellen muss.

Zu den Nebenfiguren hingegen lässt sich weniger gut eine Bindung aufbauen. Es leben viele Teenager im ALZ, einige von ihnen bestenfalls namentlich erwähnt. Die Story konzentriert sich sehr auf Benjis Entwicklung. Dennoch ist es toll, so viel positive queere Repräsentation in einem einzigen Buch zu finden.

Eine genauere Einordnung der Zielgruppe gestaltet sich als schwierig, da sowohl sehr gewalttätige Szenen und expliziten Body Horror als auch typische Jugendbuch-Elemente miteinander vereint werden. Im Vordergrund steht Benjis Auseinandersetzung mit der eigenen Identität (einmal mit dem eigenen Transsein und auf einer anderen Ebene mit der Verwandlung zum Seraph) und mit der ersten Liebe. Dessen sollte man sich als Leser*in vorher bewusst sein.

Insgesamt ist es ein solides Buch mit einem ungewöhnlichen Setting und sehr guter Repräsentation.

10. März 2025

Rezension: Die Abenteuer der Piratin Amina al-Sirafi

Originaltitel: The Adventures of Amina al-Sirafi

Autorin: Shannon Chakraborty
Erschienen: 28. Februar 2023
Deutsche Ausgabe: 31. Oktober 2023

Inhalt: Eigentlich will Amina al-Sirafi ihren Ruhestand genießen. Um die Tochter eines ehemaligen Crew-Mitgliedes aus den Fängen eines bösen Magiers zu befreien, muss sie sich jedoch erneut auf ein gefährliches Abenteuer begeben.

Wer nach einem Piratenabenteuer, gespickt mit einer Prise Magie, sucht, wird mit diesem Buch genau das Richtige finden. "Die Abenteuer der Piratin Amina al-Sirafi" ist ein wunderbar diverses und actionreiches Piratenabenteuer mit einer faszinierenden Hauptfigur. 

Es beginnt wie ein klassisches Abenteuer. Es gibt eine Entführung, böse Seeungeheuer, einen sagenumwobenen Schatz. Die phantastischen Elemente werden behutsam in die Story eingeführt und nehmen mit der Zeit deutlich zu. Es gibt ein paar interessante Wendungen und actionreiche, spannende Szenen. Insgesamt bleibt der Plot an einigen Stellen aber recht vorhersagbar.

Das tut dem Spaß keinen Abbruch, wenn man Piratengeschichten im Stile von "Fluch der Karibik" mag. Was den Roman so einzigartig macht, ist die Art und Weise, wie er erzählt wird. Chakrabortys Stärken liegen in ihrem sehr schönen literarischen Stil sowie in der Ausarbeitung des Settings. Wir befinden uns im mittelalterlichen Orient. Hauptschauplatz ist der Indische Ozean.

Amina ist eine Heldin, wie man sie eher selten kennenlernt. Sie ist Mitte 40, Mutter, eine der berüchtigtsten Frauen des Orients, hatte bereits mehrere Ehemänner und ist trotz ihrer vielen moralischen Verfehlungen eine gläubige Muslimin mit freiheitlichen Werten.

In einem konservativem mittelalterlichen Arabien, das von Männern und von Fremdenfeindlichkeit dominiert wird, schafft Chakraborty mit den Piraten einen Raum, in welchem Diversität und Queerness als vollkommen selbstverständlich wahrgenommen werden, was das Setting sehr aufwertet und realistisch macht.

Sehr schön gestaltet ist übrigens die deutsche Ausgabe. Im Buchdeckel befindet sich vorn eine mittelalterliche Fantasykarte des Indischen Ozeans, im hinteren Teil eine Illustration von Amina mit ihren engsten Crewmitgliedern, auf ihrem Piratenschiff, der Marawati, stehend. Hier die dazugehörigen Bilder:


Insgesamt ein sehr guter und unterhaltsamer Roman, den ich Piraten- und Fantasyfans uneingeschränkt empfehlen kann.